Montag, 7. November 2016

Schatten und Licht



Traumgesicht
Albrecht Dürer (Nürnberg 1471 – 1528 Nürnberg)
1525
Aquarell, bezeichnet und signiert, 22,2 × 30,1 cm
In: Kunstbuch Albrecht Dürers
Kunsthistorisches Museum, Kunstkammer
© KHM-Museumsverband
Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer
During the night...

Schatten. Schemenhafte Formen, hier und da ein Aufblinken. Ein Gesicht taucht auf, ein Amulett. Korallen. Ein Stein öffnet sich zu einer Landschaft, jeder Blick enthüllt mehr Details, wie eine Woge aus der Dunkelheit. Einzelne Bilder in erschreckender Klarheit, das ganze jedoch bleibt im Dunkeln – was bedeutet es?
Der Saal VIII im Kunsthistorischen Museum hat sich in eine Landschaft des Unterbewussten verwandelt. Im Dunkel des Raums liegen einzelne erleuchtete Objekte wie Momente der Erinnerung und der Bewusstheit in einem Meer der dumpfen Ziellosigkeit. Sie tauchen auf wie Träume aus der wohligen Wolke des Schlafes. Und es sind keine guten Träume. Es sind verstörende Bilder, aus der Welt genommen und neu zusammengestellt – und sie suggerieren Bedrohung. Den Verlust der Kontrolle. Und die Einsamkeit und unbestimmte Furcht, die wir alle im Angesicht unserer eigenen, innersten Schatten verspüren.
Ausgehend von Albrecht Dürers „Traumgesicht“ hat der britische Künstler und Autor Edmund de Waal im KHM eine berührende Installation wundersamer Gegenstände geschaffen. Entgegen seiner künstlerischen Praxis sind es diesmal nicht seine zauberhaften und ephemeren Keramiken, die er zu raumgreifenden Installation gefügt hat. Wie bereits Ed Ruscha im Jahr 2012 wurde er eingeladen, eine Ausstellung aus dem Fundus der ehemaligen Kaiserlichen Sammlungen zu machen, also der KHM-Gruppe und des Naturhistorischen Museums . Die Werke, die zu einem Großteil normalerweise nicht ausgestellt sind, kommen aus allen Teilen der Sammlung. Es sind Gemälde, Handsteine, Korallen, Reliquiare, Alraunen, Bezoare. Und natürlich das Traumgesicht: Albrecht Dürers Aquarell, von dem de Waals Aufstellung seinen Ausgang genommen hat. Die zutiefst persönliche Stellungnahme des großen Künstlers zu einem Albtraum in Bild und Wort ist wunderschön und bedrückend.

Die Gegenüberstellung der so unterschiedlichen Gegenstände ist mehr als ästhetisch eindrucksvoll. Die Objekte sind in überraschende Zusammenhänge gesetzt, durch die sie ganz neue Konnotationen erhalten. Eine Fibel, die im Licht des Tages betrachtet oberflächlich und auf schöne Weise töricht erscheinen mag, wird im Schatten zum bedrohlichen Auge – oder zum zusätzlichen Sinn, der uns die Dunkelheit durchblicken lässt. Das Nachtlicht daneben verspricht Rettung. Wäre es nur an…
De Waals Gedanken sind für uns in Ansätzen wiedergegeben. Doch liegt es an uns, innezuhalten und selbst dieser Bedeutung nachzuspüren, Augen und Geist genießen zu lassen, sich entspannen, zu neuen Schlüssen kommen. Und ist nicht das die wundersame Fähigkeit der Kunst?
Des Nachts finden sich also nicht nur undurchdringliche Schatten, sondern auch Licht – Erkenntnisse über uns selbst.                                                                                                                                         

 

Kunsthistorisches Museum
11. Oktober 2016 bis 29. Jänner 2017
zur Ausstellung erscheinen ein Katalog
und eine Künstleredition
http://www.khm.at/besuchen/ausstellungen/edmund-de-waal/

 

Freitag, 28. Oktober 2016

ein magischer Moment

Sissa Micheli
ON THE PROCESS OF SHAPING AN IDEA INTO FORM THROUGH MENTAL MODELLING
Eyes On Monat der Fotografie 2016
Bildraum 01

 
Sissa Micheli | On the Process of Shaping an Idea into Form Through Mental Modelling, 2014/16 Fine Art Print, Maße variabel © Bildrecht, Wien 2016

Die Entstehung eines Kunstwerks ist ein spannender und aufreibender Prozess. Wie wird aus einer Idee ein Stück "Kunst" und damit mehr, als nur die Summe der einzelnen Teile?

Diesem Prozess ist Sissa Micheli in der Ausstellung im Bildraum 01 im Rahmen des Monats der Fotografie 2016 auf der Spur. Michelis Arbeit bewegt sich stets an der Schnittstelle zwischen Film und Fotografie. Die Südtiroler Künstlerin, die in Wien lebt und arbeitet, bedient sich dazu verschiedenster Gegenstände und Umgebungen, die leicht aus der Alltäglichkeit gerückt sind – verlassene Häuser, historische Parks oder, wie in „On the process…“, Straßenzüge mit einer verborgenen Geschichte. Auf der Basis kunsttheoretischer Überlegungen entstehen so vielschichtige Werke aus Bild, Raum und Klang, deren stille Poesie fesselt und zur Erschließung weiterer Bedeutungsebenen anregt.


Im Bildraum 01 zeigt Micheli Arbeiten, die im ehemaligen Londoner Textilviertel entstanden sind. Hier verbindet sie die Geschichte des Umfelds mit dem Werkmaterial und wirft Kleidungsstücke vor die Kamera. Das sich in der Luft entfaltende Material wird so zur sich ständig wandelnden Textilskulptur. Während für das tatsächliche Kleidungstück der Höhenflug am Boden endet, stoppt die Künstlerin die filmische Aufzeichnung an einer bestimmten Stelle der Aktion: die Zeit wird angehalten und als Bild fixiert. Aus allen Möglichkeiten der sich bewegenden Skulptur wird eine einzige festgeschrieben und zum Kunstwerk – aus dem Gedankenstrom hat sich eine Idee manifestiert, deren letztendliches Aussehen von unzähligen Faktoren abhängig ist. Die Fähigkeit des Künstlers, die Kontrolle im entscheidenden Moment loszulassen und wieder an sich zu nehmen ist fragil und kaum greifbar. So sagt die Künstlerin aus dem Off: „The loss of control is an almost magical moment.“

 

Eröffnung: 3.11.2016, 19 Uhr
Dauer: 4.11. – 9.12.2016

http://www.bildrecht.at

 


 

Sonntag, 6. März 2016

Nachbilder - Rue de la Tour


 
Sissa Micheli
Rue de la Tour – The History of a House in 8 Chapters
2009/2016
HD Video, 16:9, Farbe, Ton, 11:36 min.
 
 Celia geht durch das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Als Neugeborenes ist sie von den Eltern hergebracht worden; dies sollte den Anfang eines langen, glücklichen, kinderreichen Familienlebens markieren. Die Ehe zerbricht jedoch – die Mutter bleibt mit ihren 5 Kindern im Haus, der Vater betritt es  nie weiter als knapp bis hinter die Eingangstür. Nun soll es verkauft werden, da die Mutter nicht allein mit ihren Erinnerungen hier leben will. Wir hören Celias Erzählung aus dem Off, während die Kamera mittels langsamer filmischer Schwenks die Räume abtastet. Dies lässt den psychischen Prozess des Erinnerns sichtbar werden: Das stille, wie unterbewusst stattfindende Fließen der Bilder wird durch Celias Stimme konkretisiert und zu einem greifbaren Strom an Erlebnissen. Bilder und Stimme fügen sich zu einem Labyrinth von Erinnerungen.
Die Geschichte dieser mehrstöckigen Villa in der Pariser Rue de la Tour ist die dritte einer Trilogie über Wohnräume, die kurz vor der Auflösung stehen. Sissa Micheli untersucht in dieser Serie, wie Wohnungen die Erinnerungen an Menschen und ihre Geschichten bewahren; eine emotionale, poetische und mitunter tragische Suche. So wie die an sich sachlich erzählende Stimme Celias an manchen Stellen zu brechen droht, fühlen auch wir, als BetrachterInnen, die menschliche Tiefe einer Situation, die wir auf die eine oder andere Art alle kennen.
Sissa Micheli inszeniert dieses Erinnern und Abschied Nehmen mit der ihr eigenen Ästhetik – still und klar, doch gleichzeitig in kraftvollen Farben, die perfekt zueinander komponiert sind. Die Künstlerin versteht es, die Gedanken Celias zu einem stillen, ruhenden Film zu fügen, der von der Geschichte einer einzigen jungen Frau zu ganz universellen Themen führt  – Liebe, Verlust, Geborgenheit, Alltag.

 


Nachbilder

Fotogalerie Wien


Verein zur Förderung künstlerischer Fotografie und neuer Medien
Association for the Promotion of Art Photography and New Media



Eröffnung: Montag, 4. April um 19.00 Uhr

Einführende Worte: Petra Noll

Ausstellungsdauer: 5. bis 30. April 2016

Dienstag, 3. November 2015

Ein Alter Meister

Tizians Jacopo Strada

Im allgemeinen Trubel der Partys, Happenings, Vernissagen, Finissagen der zeitgenössischen Kunst geht die in diesem Bereich naturgemäß eher stille alte Kunst tendenziell unter. Dabei hat sie Wundervolles zu bieten: Künstlerisch zeitlose Werke, die dabei ihren Zeitgeist über die Jahrhunderte an uns heutige Betrachter vermitteln. Viele dieser Arbeiten sind eher unbekannt, aber selbst die wirklich großen, angesehenen haben meist nicht mehr als einen kleinen Kennerkreis. Dazu gehört auch Tizians Porträt des Jacopo Strada, das um 1567/ 68 entstanden ist und sich heute im Kunsthistorischen Museum befindet.
Das Porträt Jacopo Stradas steht für sich. Als relativ spätes Werk Tizians ist es eine virtuose Symphonie der Farben. Hingeworfene Pinselstriche stehen am Schnittpunkt detaillierter Wiedergabe und beinahe abstrakter Farbflächen. Es ist ein Bild voller Dynamik und zeigt somit starke Unterschiede zu den typischen, gesetzten und würdevollen Standesporträts seiner Zeit – ein Blick durch den Saal I, auch auf andere Porträts Tizians, reicht aus, um sich das vor Augen zu führen . Das Gemälde thematisiert eine besondere Persönlichkeit, einen der Großen des damaligen Kunstbetriebs: Jacopo Strada war für drei römisch-deutsche Kaiser des Hauses Habsburg tätig, als Gelehrter, Numismatiker, Architekt, Sammler und „Antiquarius“, wie er auf der Tafel im Hintergrund des Bildes genannt wird.
Dennoch ist das Porträt mehr als die Darstellung einer einzelnen Person: Es zeigt den Kunstsammler und Gelehrten in seiner Tätigkeit. Im virtuosen Spiel der Farben und der Bewegung  verschwimmen alle persönlichen Züge: Gesicht und Hände sind unklar, liegen im Schatten oder sind verdeckt. Malerisch ausgearbeitet sind die Bücher des Gelehrten direkt über seinem Kopf, die (möglicherweise antike) Büste und die Venus in seinen Händen, der Brief, der auf internationale Kontakte und Ansehen hinweist, etwas dunkler daneben die den Numismatiker ausweisenden Münzen. Noch klarer sind die Zeichen seines Standes: Exakt in der Mitte des Gemäldes finden wird ein Medaillon mit einem angedeuteten Herrscherporträt an einer schweren Goldkette, wir sehen den blitzenden Schwertgriff des Höflings an seiner linken Seite und bewundern den schweren Pelz, den er sich rein demonstrativ umgelegt hat, wobei er in Kauf nimmt, dass das wertvolle Stück jeden Moment zu Boden rutscht. Jacopo Strada als Person tritt hinter den Antiquar zurück, der im Gespräch mit einem Zweiten die ihm anvertrauten Schätze hütet und erläutert, er ist Gelehrter und Höfling, eine wichtige Persönlichkeit. Doch hinter all diesen äußeren Zeichen ist der kraftvolle Charakter eines tonangebenden Mannes zu spüren, der den Blick seiner Umgebung bewusst lenkt und formt, der es als Gelehrter geschafft hat, nicht nur für die höchsten Kreise zu arbeiten, sondern auch selbst schließlich in den Adelsstand erhoben zu werden – und von einem der größten  (und teuersten) Maler seiner Zeit porträtiert zu werden, einem Meister der Farbe und der Erzählung. In diesem Gemälde trifft sich die Hochkultur, die Hochkunst, des mitteleuropäischen 16. Jahrhunderts.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Joseph Cornell – Fernweh


"Fernweh" ist die erste Ausstellung zum Werk Joseph Cornells in Österreich - und wie wunderbar ist sie geworden! Die verzaubernden Sammelsurien Cornells passen perfekt ins KHM, diesen riesigen, die Jahrhunderte umspannenden Setzkasten.

Die Collagen und Assemblagen Joseph Cornells stehen zwischen Surrealismus und Spielzeug, zwischen Konstruktivismus und Kunstkammerobjekt. Der Autodidakt, der sein ganzes Leben lang kaum New York verlassen hat und niemals über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus gereist ist, schafft es, durch seine intensive Sammeltätigkeit von Fotografien, Büchern, Erinnerungsstücken und (ehemals) schönen Gegenständen aller Art die Welt zu kennen und besonders Europa zu lieben. Nachdem er mit Werken der Surrealisten quasi bei ihrer Ankunft in New York zusammentrifft, beginnt er selbst aus den gesammelten Objekten und Bildern zuerst Collagen und schließlich Assemblagen zu fertigen – und nimmt so 1932 an einer der ersten Ausstellung surrealistischer Kunst in den USA teil.
Von da an entsteht ein ganz eigenes Werk, das sich in keine Kunstströmung einordnen lässt und das selbst von ihrem Schöpfer gar nicht primär als Kunst gesehen wird. Joseph Cornell macht einfach Objekte. Sein liebstes Publikum sind Kinder und sein behinderter Bruder, um den er sich im gemeinsamen Haus kümmert. So entsteht in der Abgeschiedenheit des Cornell’schen Hauses eine eigene kleine Kunstkammer, die von der Welt abgeschlossen scheint, aber dennoch in jedem einzelnen Werk soviel von ihr erzählt und einfängt, dass der Betrachter unwillkürlich fasziniert ist. Tony Curtis, langjähriger Freund Joseph Cornells, drückt es so aus: „To have captured inside of a box with a glass front the very sense of  the mystery and the joy of living.“
Der Wunsch, diese Ausstellung zu machen ist einer, den der Kurator Jasper Sharp bereits seit 15 Jahren mit sich herumträgt und den er sich nun in Kooperation mit der Royal Academy erfüllt hat. Mit dem Kunsthistorischen Museum hat er dafür einen Rahmen, der so perfekt zur Arbeit Joseph Cornells passt, wie man es sich kaum besser vorstellen könnte.
Das Sammeln und neu Kombinieren von Kuriositäten aller Art, die Aufforderung, sich zu wundern – also die Dinge neu zu sehen und eine Antwort auf die aufgeworfenen Fragen zu suchen – ist etwas, das mit den Kunst- und Wunderkammern des 16. Jahrhundert aufkommt. Einige sind an ihrem originalen Aufstellungsort erhalten, etwa im Innsbrucker Schloss Ambras; aber auch im Kunsthistorischen Museum findet sich ein ganz besonders prachtvolles Exemplar dieser heute seltenen Sammlungen. Während sich der Hauptteil von „Fernweh“ im Saal 8 zwischen den Flügeln der Gemäldegalerie befindet, führt ein Pfad auch durch die Kunstkammer. Hier weisen Tafeln auf einzelne Objekte hin und helfen dem Besucher, sie durch den fiktiven Blick Joseph Cornells zu sehen. Die vier Arbeiten Cornells, die schließlich in die Kunstkammer eingefügt wurden, fallen beinahe nicht auf, so gut passen die beiden Konzepte zueinander.
So entdeckt der Besucher zuerst das Werk Joseph Cornells, um hinterher durch seine Augen zuerst das Museum und dann die Welt anders wahrzunehmen – voller Wunder, Möglichkeiten und Spannung. Klingt märchenhaft – ist aber so.


In den Worten Robert Motherwells, die auch im Booklet zur Ausstellung abgedruckt sind: „Seine Arbeit zwingt einen dazu, das Wort „schön“ zu gebrauchen. Was will man mehr?“


https://www.youtube.com/watch?v=Ff1gJ8FtMds#t=30

https://www.youtube.com/watch?v=1r_CXS7bXtw

Dienstag, 18. August 2015

Ruth Beckermann: the missing image


Temporäre Installation
12. März bis 10. November 2015
Ort: Albertinaplatz, 1010 Wien

 


Kunst im öffentlichen Raum ist leider oft schwierig und sogar ein bisschen traurig. In einer Zeit, wo neue Architektur nicht so inspirierend ist, fällt ein großes Feld möglicher Kunstproduktion, bzw. – rezeption einfach weg. Der Versuch, die Menschen dennoch mit Kunst zu konfrontieren ist ein wundervoller, aber unglaublich schwerer – denn jedes Ding, das ein paar Tage lang ständig wahrgenommen wird, wird normal. Selbst der Stephansdom wird dann normal und niemand wundert sich mehr über dieses urzeitliche Drachenwesen aus hellem Ornament und Licht, das da mitten in der Stadt hockt. Um wie viel unscheinbarer und alltäglicher müssen den Menschen all die in der Stadt verstreuten Statuen, Mosaiken und Brunnen erscheinen… allein die Kunst-am-Bau der Gemeindebauten hat eine Vielzahl an Beispielen für kleine und große Werke teils namhafter Künstler, mit denen sich garantiert niemand auseinandersetzt, weil die einfach da stehen und scheinbar immer schon da waren und gar niemandem mehr die Idee kommt, dass dahinter etwas stecken könnte (was ja auch wohl nicht immer der Fall ist – aber die Möglichkeit besteht!)
Zusätzlich zum Gewöhnungsfaktor ist es natürlich ganz primär schwierig gute Kunst zu finden, und dann noch gute witterungsbeständige Kunst
Der einzige Grund, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen, wäre doch der, jedem Passanten die Möglichkeit zu geben, anhand dieses Werks etwas in sich zu ergründen. So meine naive Vorstellung von Kunst und natürlich auch der im öffentlichen Raum. Meistens bin ich enttäuscht.
Seit März und noch bis November gibt es am Albertinaplatz  beim „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ von Alfred Hrdlicka eine temporäre Installation, die durchaus Möglichkeit zur Selbsterkenntnis birgt – Erkenntnis des Horrorkabinetts, das im menschlichen Geist lauert. Die Künstlerin Ruth Beckermann hat dem Mahnmal das „missing image“ hinzugefügt: die Erniedriger, Quäler, die Zuschauer , das wirklich Entsetzliche. Auf zwei Bildschirmen zeigt die Künstlerin Bilder des einzigen erhaltenen Videomitschnitts einer „Reibpartie“ – so wurde es genannt, wenn Juden dazu gezwungen wurden, mit Bürsten und Lauge die Straße zu schrubben… und rundherum die Menschen standen und sich daran ergötzten, das Machtgefühl genossen. Diese Bilder hat die Künstlerin auf die Figur des am Boden kauernden Mannes ausgerichtet, der mit Reibbürste und von Stacheldraht umwunden als zutiefst erniedrigt und entmenschlicht dargestellt ist.
Und so blickt man das erstemal in diese Gesichter der umstehenden Menschen, echter, lebender Menschen aus dem Jahr  1938 und sieht, was man ja weiß, aber was nie so offenbar war, dass es ganz normale Gesichter sind, alltägliche Leute, keine Monster und man erschrickt und weiß irgendwie, dass so etwas jederzeit passieren könnte. Der kleine Mann von der Straße. Und was würde man selbst tun? Sich zumindest nicht an der Erniedrigung erfreuen… aber würde man helfen, für die Gequälten einstehen? Hätte man den Mut?
Kunst konfrontiert – und nicht immer ist das sehr psychologisch oder metaphysisch, manchmal ist es ganz handfest.

Mittwoch, 12. August 2015

Hana Usui - Schwarzer Regen


Salon M
6.8.-29.8.2015


Zur Eröffnung des Salon M in der Myrthengasse, Peter Bogners neuestem Projekt, zeigt Kurator Marcello Farabegoli Arbeiten von Hana Usui. Die japanische Künstlerin, die in ihrer Heimat in Kalligraphie ausgebildet wurde und sich nach ihrem Umzug nach Wien ganz einem westlichen Kunstverständnis zugewandt hat, ist bekannt für ihre einprägsamen Arbeiten, die hauchzarte Tuscheschleier mit präzise gesetzten Linien verbinden.
Die Schönheit dieser Kunst verbirgt im konkreten Fall allerdings ein schreckliches Thema: Am 7. und 9. August jähren sich die  Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Kurator und Künstlerin nehmen dies als Anlass, die Ausstellung „Schwarzer Regen“ ein zweites Mal zu zeigen und eindringlich auf dieses Datum hinzuweisen, das heute für den Betrachter wohl auch unauflösbar mit den Ereignissen in Fukushima verbunden ist.
Hana Usui bearbeitet das hochsensible Thema einfühlsam und berührend. In Anlehnung an Masuji Ibuses Roman „Schwarzer Regen“ und seine Verfilmung, die sie immer wieder zitiert, spricht sie von Sterben, Leiden, Tod, Trauer und Mitleiden. Die Linien, die vor der Tiefe der Tuschewolken vibrieren, sind gespannt und verletzbar wie das Leben selbst – jederzeit können sie zerreißen. Gerade durch die vordergründige Schönheit der Arbeiten berührt die Härte des Themas bis ins Mark, seien es Spuren des schwarzen Regens, die von der Künstlerin umgesetzt werden, jenes radioaktiven Ascheregens nach einer atomaren Katastrophe, den die in der Hitze verdurstenden Menschen in höchster Not sogar tranken, seien es die direkten Auswirkungen der Atombombenabwürfe: Die Menge der Toten nach den Explosionen war so groß, dass sich riesige Fliegenschwärme in der Stadt ausbreiteten. Dieser besonderer Schrecken findet Niederschlag in einer zwanzig Meter langen Arbeit mit hauchzarten kalligraphischen Zeichen in Tusche, über die Punkte in weißem und schwarzem Öl tanzen: Hier sind die Fliegenschwärme von buddhistischen Sutras hinterfangen, erhalten die Toten ihre letzten Gebete.
Ähnlich fein und erschütternd war die Performance der japanischen Tänzerin Aiko Kazuko Kurosaki bei der Eröffnung. Diese feinsinnige und kraftvolle Ausstellung ist ein würdiger Eröffnungsakt für einen neuen Raum, der neben Ausstellungen auch Diskussionen und anderen Aufgaben eines Salons Platz bieten wird.