Sonntag, 26. April 2015

Anmerkung zum Atelierrundgang im Zweiten:


oder wie Kunst uns den Spiegel vorhält

 

Zuerst ist das ein Tipp: Heute noch bis 21h ist im Zweiten (und Zwanzigsten, ...) Atelierrundgang.
http://www.q202.at/media/Wanderkarte2015.pdf
Da gibt es so einiges zu sehen, nicht nur wirkliche Paradise mitten in der Stadt, sich hinter unscheinbaren Fassaden plötzlich öffnende Höfe mit Pawlatschen, mit Bäumen und dem Gefühl, dass hier wirklich jemand lebt (Höfe, die man verwenden darf und die nicht dem Diktat der offensichtlich für Wien vorgeschriebenen Pflanzenmustertyrannei unterworfen sind, gibt es ja kaum. Wo in Wien öffentliche „Parks“ schmale Gehwege zwischen dichtem Pflanzenbewuchs sind, deren Pracht durch Entenhohe schwarze Metallzäunchen vor dem gemeinen Bürger tunlichst geschützt werden, so besteht der Wiener Innenhof meist aus einer sehr kleinen Fläche zwischen Häuserschluchten, die in ihrer Ganzheit von einem Ornament aus dickblättrigen Pflanzenzombis, Mosen, und was in der Dunkelheit an Floralem halt so überlebt, überzogen ist und ein Benützen verunmöglicht. Weil ja bepflanzt und so. Exkurs Ende.)
Also wie gesagt, der Rundgang ist empfehlenswert, nicht nur weil in der Sonne in der Stadt herumstiefeln und Kunst anschauen super ist, sondern weil man erstens unvermutet – in meinem Fall – wirklich Sehenswertes finden und zweitens den eigenen Geist ganz vortrefflich beobachten kann. Denn der Geist ist ein Hund. Und gerade bei der Betrachtung von Kunst kommt das zu Tage. So betrete ich ein Atelier oder eine zur Galerie umfunktionierte Örtlichkeit und  reagiere überhaupt nicht auf die dargebotene Kunst, sondern auf die Art ihrer Präsentation. Schiach ist das. Da hätte ich fast etwas wirklich Schönes verpasst- in der „Kinderkutsche“ in der Glockengasse, das ist auf dem Plan die Nummer 42, unter dem eigentlich alles offenlassenden Titel „Trostreiche Mustertücher“ findet man, erstens, Mustertücher, und zweitens A4große, bunte Blätter an der Wand, die man geneigt ist zu ignorieren, weil ja das Ego in der Kunst immer die eigene Bestätigung sucht und der Grandezza hier wirklich nicht genüge getan ist.  Traut man sich dann doch noch, einen zweiten Blick zu werfen, sieht man wahnsinnig schöne Oberflächen, die der Künstler aus hauchdünnen Lagen von Farbe – oder Tee – schafft, behutsam wegnimmt, herausreißt, wegkratzt und neu aufträgt. Die Wirkung ist schimmernd und tief. Verblüfft steh ich da, während der Künstler erzählt, dass er nicht malen kann, aber  einfach immer wieder probiert, etwas zu schaffen. Wie lange wären wohl die Texte, wäre er „anerkannt“? So weiß ich nicht einmal seinen Namen, da ich meinen Plan mit den Notizen verloren habe.
Also auf die Suche! Kugelschreiber nicht vergessen (und die Notizen gut festhalten). Es gibt viel zu entdecken. Und halt manchmal auch wenig. Es bleibt spannend.

Mittwoch, 22. April 2015

Radical Busts


Künstlerin: Marianne Maderna
Ort: Arkadenhof der Universität Wien
2.3.-26.4.2015

Knapp zwei Monate lang hatte die rein männliche Denkmalgesellschaft im Arkadenhof der Universität Wien die Ehre hoher weiblicher Gäste. Den klaren, starren, in typischer Repräsentationsmanier angelegten Büsten männlicher Wissenschaftler stehen 33 Köpfe bekannter Frauen der Geschichte gegenüber, ihre goldenen Gesichtszüge verzogen und verschleiert, als könne man sie über die zeitliche Distanz nur schwer fassen – oder als wären zu viele Schleier und Ideen, Unklarheiten und Legenden über sie gerankt, als dass man sie so klar erkennen könnte, wie ihre männlichen Kollegen. Die an den Innenseiten der Pfeiler stehenden Denkmäler – drei befinden sich in der Aula – wirken auf ihren gleichhohen Sockeln und in der regelmäßige Aufstellung, mit ihren bewegten  Konturen in lichtspielendem Gold wie geisterhafte Gestalten, die aus der Tiefe der Zeit aufgetaucht sind, ihre männlichen Kollegen zu konfrontieren. Sie wirken ephemer, als könnten sie vom Wind verweht werden und gleichzeitig so, als würden sie die Zeiten eher überdauern, als die im Gegensatz zutiefst menschlich und erdgebunden wirkenden Steinbildnisse. Dem Betrachter mag von Ferne, dem Blick entlang der Arkaden folgend, so scheinen, als ob die Gruppen miteinander kommunizierten, Erstaunen hier, schweigende Anklage dort. Anstatt der klaren Lebensdaten und der kurzen Angabe von Name und Grund der Berühmtheit, die die Sockel der männlichen Denkmäler zieren, finden sich auf den braunen Sockeln der Frauen Gedichte der Künstlerin Marianne Maderna. Zwischen den in leicht verwischtem Graphit auf die Sockel geschriebenen Worten findet der Betrachter keinen wirklichen Anhaltspunkt für den Kopf, es entsteht vielmehr ein Gefühl. Fakten müssen nachrecherchiert werden, und das ist gut so: Radical Busts lädt zu einer tieferen Auseinandersetzung mit weiblichen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst, Politk ein.
Die einfühlsamen Poems, die die Künstlerin zusammen mit den Skulpturen als Werkeinheit erschafft, (sh. Interview uni:view
http://medienportal.univie.ac.at/uniview/wissenschaft-gesellschaft/detailansicht/artikel/im-gespraech-kuenstlerin-marianne-maderna/) geben dem Betrachter ein Gefühl für die dargestellte Person, das allerdings, und das muss klar sein, dem subjektiven Einfühlen und Interpretieren der Künstlerin geschuldet ist. In einem Umfeld, das von wissenschaftlicher Arbeitsweise geprägt ist, wirkt diese Subjektivität noch krasser, scheinen die Texte oft etwas esoterisch. Die Künstlerin hat sich bei der Auswahl der Persönlichkeiten nicht beschränkt – die Einbeziehung der Päpstin Johanna oder der Maria Magdalena etwa scheint zumindest kuratorisch fragwürdig, zumindest verschleiert dieses Abgleiten ins Mystische den klaren Gesamteindruck. Die Kraft und besondere Stärke der dargestellten Frauen wird in den Texten oftmals unter den Scheffel gestellt, zugunsten der Betonung einer Opferrolle in einer patriarchalen Gesellschaft. Tatsache ist, dass die meisten der dargestellten Frauen kraftvolle Leben gelebt und alle Chancen genutzt haben, die ihre Gesellschaft und vor allem ihre oft privilegierte Sonderstellung darin ihnen erlaubte. Dies ist, ganz abgesehen von ihren großartigen Errungenschaften für die Menschheit, besonders und sollte sie auf einer ebenso starken und selbstverständlichen Ebene zeigen, wie ihre männlichen Pendants. Radical Busts zeigt letztlich eine Reihe geduldig leidender Schmerzensfrauen, die ihre Wundmale präsentieren. So entfernt das Projekt einen Schleier und verfestigt gleichzeitig einen bestehenden. Die Ausstellung führt zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema Gleichstellung. Selbst Allen, die nur vorbeieilen, wird so klar, dass menschliche Errungenschaften männliche und weibliche Gesichter tragen. Alle anderen haben noch bis Sonntag Zeit, sich auf die Botschaften der goldglänzenden Mahnerinnen einzulassen.