Donnerstag, 22. Oktober 2015

Joseph Cornell – Fernweh


"Fernweh" ist die erste Ausstellung zum Werk Joseph Cornells in Österreich - und wie wunderbar ist sie geworden! Die verzaubernden Sammelsurien Cornells passen perfekt ins KHM, diesen riesigen, die Jahrhunderte umspannenden Setzkasten.

Die Collagen und Assemblagen Joseph Cornells stehen zwischen Surrealismus und Spielzeug, zwischen Konstruktivismus und Kunstkammerobjekt. Der Autodidakt, der sein ganzes Leben lang kaum New York verlassen hat und niemals über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus gereist ist, schafft es, durch seine intensive Sammeltätigkeit von Fotografien, Büchern, Erinnerungsstücken und (ehemals) schönen Gegenständen aller Art die Welt zu kennen und besonders Europa zu lieben. Nachdem er mit Werken der Surrealisten quasi bei ihrer Ankunft in New York zusammentrifft, beginnt er selbst aus den gesammelten Objekten und Bildern zuerst Collagen und schließlich Assemblagen zu fertigen – und nimmt so 1932 an einer der ersten Ausstellung surrealistischer Kunst in den USA teil.
Von da an entsteht ein ganz eigenes Werk, das sich in keine Kunstströmung einordnen lässt und das selbst von ihrem Schöpfer gar nicht primär als Kunst gesehen wird. Joseph Cornell macht einfach Objekte. Sein liebstes Publikum sind Kinder und sein behinderter Bruder, um den er sich im gemeinsamen Haus kümmert. So entsteht in der Abgeschiedenheit des Cornell’schen Hauses eine eigene kleine Kunstkammer, die von der Welt abgeschlossen scheint, aber dennoch in jedem einzelnen Werk soviel von ihr erzählt und einfängt, dass der Betrachter unwillkürlich fasziniert ist. Tony Curtis, langjähriger Freund Joseph Cornells, drückt es so aus: „To have captured inside of a box with a glass front the very sense of  the mystery and the joy of living.“
Der Wunsch, diese Ausstellung zu machen ist einer, den der Kurator Jasper Sharp bereits seit 15 Jahren mit sich herumträgt und den er sich nun in Kooperation mit der Royal Academy erfüllt hat. Mit dem Kunsthistorischen Museum hat er dafür einen Rahmen, der so perfekt zur Arbeit Joseph Cornells passt, wie man es sich kaum besser vorstellen könnte.
Das Sammeln und neu Kombinieren von Kuriositäten aller Art, die Aufforderung, sich zu wundern – also die Dinge neu zu sehen und eine Antwort auf die aufgeworfenen Fragen zu suchen – ist etwas, das mit den Kunst- und Wunderkammern des 16. Jahrhundert aufkommt. Einige sind an ihrem originalen Aufstellungsort erhalten, etwa im Innsbrucker Schloss Ambras; aber auch im Kunsthistorischen Museum findet sich ein ganz besonders prachtvolles Exemplar dieser heute seltenen Sammlungen. Während sich der Hauptteil von „Fernweh“ im Saal 8 zwischen den Flügeln der Gemäldegalerie befindet, führt ein Pfad auch durch die Kunstkammer. Hier weisen Tafeln auf einzelne Objekte hin und helfen dem Besucher, sie durch den fiktiven Blick Joseph Cornells zu sehen. Die vier Arbeiten Cornells, die schließlich in die Kunstkammer eingefügt wurden, fallen beinahe nicht auf, so gut passen die beiden Konzepte zueinander.
So entdeckt der Besucher zuerst das Werk Joseph Cornells, um hinterher durch seine Augen zuerst das Museum und dann die Welt anders wahrzunehmen – voller Wunder, Möglichkeiten und Spannung. Klingt märchenhaft – ist aber so.


In den Worten Robert Motherwells, die auch im Booklet zur Ausstellung abgedruckt sind: „Seine Arbeit zwingt einen dazu, das Wort „schön“ zu gebrauchen. Was will man mehr?“


https://www.youtube.com/watch?v=Ff1gJ8FtMds#t=30

https://www.youtube.com/watch?v=1r_CXS7bXtw